Als 1998 der vierte Netzbetreiber VIAG Interkom startete, hatten die Münchner eine sensationelle Idee: Wenn der Kunde noch kein VIAG-Netz findet, kann er sich bei den andern drei Anbietern einbuchen. Viele Kunden waren begeistert und unterschrieben die angebotenen Verträge.
Der Trick war damals wirklich genial: Man gab seine PIN gefolgt von einer 1 ein und war auf einmal als Kunde von Swisscom in Deutschland unterwegs, sprich, man konnte sich wahlweise bei D1, D2 oder E-Plus einbuchen, oder mit Ausschalten - Einschalten und Original-PIN - wenn vorhanden - wieder bei VIAG Interkom (Netz "D-07") anmelden.
Die geniale Idee funktionierte in der Praxis nicht immer so reibungslos wie gedacht. Teilweise kam es zu Abrechnungsproblemen, weil überschlaue Kunden meinten, daß die für Original-Kunden der besuchten Netze kostenlosen Dienste auch mit VIAG kostenlos zu nutzen wären. Teilweise versuchten auch die Mitbewerber durch technische Tricks, die ungebetenen Gäste auszusperren, was teilweise auch gelang.
Irgendwann schloß VIAG Interkom einen Vertrag mit T-Mobile ab: Fortan konnten VIAG Kunden bei D1 roamen, bundesweit und fast ohne Einschränkungen, wenn man von "Großereignissen" wie der "Loveparade" absieht. Die Swisscom-Variante wurde abgeschaltet. Wer noch eine alte SIM hat, bekommt nur mit der Original-PIN eine Netzversorgung.
In einsamen Regionen, wo kein Netz richtig ging, waren die Leute bitter enttäuscht, denn sie hatten sich die Karte von VIAG nur wegen der Roaming-Möglichkeiten zugelegt, irgendein Netz ging meist immer. Wer hartnäckig genug blieb, konnte seinen VIAG-Vertrag vorzeitig beenden, andernfalls spätestens nach Ablauf der 24 Monate.
Aus VIAG wurde o2, aber einige "schlaue" Kunden telefonierten bevorzugt im D1-Netz, teilweise noch mit alter GSM900-Hardware, die mit GSM 1800 nichts anfangen konnte oder weil die Sprachqualität des o2-Netzes mitunter nicht ihren Vorstellungen entsprach. Also begann o2 dort, wie sie glaubten, eigenes Netz zu haben, das Roaming zu D1 einzuschränken. An anderen Stellen wurde ein Netz-Handover installiert, wo o2 Kunden während des Gesprächs zu D1 umbuchen konnten.
Wer gerade bei D1 telefoniert, bleibt drin, auch wenn er sich längst in "gesperrtes" Gebiet bewegt hat, nach dem Auflegen ist aber Schluß.
Die o2 Versorgung in Ballungsgebieten ist in der Regel sehr gut, kritisch wirds in den Randregionen. Dort wo das D1-Roaming gesperrt (auf denglisch "gebarred") ist, kann es passieren, daß auch gerade da keine o2 Versorgung vorhanden ist. Das hat technische Gründe: Die Entscheidung ob Roaming oder nicht, wird anhand von sogenannten LAC-Gebieten gefällt, die D1-LACs und die o2-LACs sind nicht deckungsgleich, folglich entstehen Löcher. Zwar ist o2 derzeit wie wild dabei, sein Netz weiter auszubauen, aber die alles entscheidenden Kostenrechner machen jetzt wohl ziemlich Druck, denn das D1-Roaming kostet offenbar doch mehr Geld, als o2 momentan ausgeben will. Folglich werden mehr Gebiete gesperrt, als es eigentlich vertretbar wäre.
Das Ergebnis ist fatal: Viele Kunden, die sich wegen attraktiver Tarife und/oder dem "Rettungsanker" D1-Roaming für o2 entschieden haben oder viel schlichter mit der Funktechnik gar nichts am Hut haben, stehen über Nacht ohne Netz da. Aktuelles Beispiel ist Schleswig Holstein, wo weitere Bereiche "dunkel" geworden sind. Ein Anruf bei der Hotline bringt wenig, die empfiehlt den schriftlichen Weg.
o2 verweist in seinen AGBs deutlich darauf, daß fehlende Netzversorgung kein Kündigungsgrund sei. Wenn aber schon eine Versorgung bestand und diese über Nacht "abgeschaltet" wird?
Selbst wenn der eine oder andere hartnäckige Kunde am Ende vorzeitig aus seinem Vertrag entlassen wird, der Image-Schaden ist beträchtlich. Wer kein Netz hat, kann nicht telefonieren und wechselt den Anbieter. Enttäuschte Kunden kommen so schnell nicht wieder, selbst wenn nach einer gewissen Zeit die o2-Netzversorgung wieder vorhanden sein sollte.

Henning Gajek kennt die Mobilfunkbranche wie kein anderer, er ist seit Jahrzehnten der deutsche Handy-Experte schlechthin.
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