Nun also Fonic - der lange vorbereitete Discounter von o2. Brauchen wir den wirklich?
Hätte es da nicht einfachere Lösungen gegeben?
Am Donnerstag wurde in Berlin auf der Basis von o2-Loop eine neue Marke namens Fonic aufgesetzt, mit eigener Firmengründung, Geschäftsführung, Werbeagentur, Presseagentur und eigenen teueren Werbespots, mit einem netten Menschen aus einer TV-Casting-Show, der "labendige Performance" fordert und demnächst auf "reichweitenstarken" TV-Kanälen zu uns ins Haus kommen wird.
"Exklusiv" können wir - wenn wir wollen - die neue Fonic-Karte im Internet oder bei einem großen Lebensmittel-Discounter an der Kasse für 9,99 Euro kaufen und damit ist Lidl am Ziel seiner Wünsche: Einen möglichst einfachen Handy Tarif für 9,9 Cent. T-Mobile wollte das damals nicht, der Preis war ihnen damals schlicht zu günstig.
Jetzt also 9,9 Cent auf alles (ohne Tiernahrung). 9,9 Cent pro Minute in alle deutschen Fest und Mobilfunknetze und 9,9 Cent pro SMS. Es geht also doch.
Die "Nebenwirkungen" sind moderat, wie Minutentaktung (wer sehr kurz telefoniert kommt bei den andern Discountern mit 60/1 Taktung auch nicht besserweg)
Die Rufnummer kann man sich vorher nicht raussuchen, auch eine Portierung von anderen Anbietern geht natürlich nicht - zu aufwendig - für verwöhnte Kunden ist das nichts.
Wer 6 Monate lang nicht neu auflädt, bekommt die Karte für abgehende Telefonate ausgeknipst. So bevormundet, wird sich mancher Kunde überlegen, ob er nicht wo anders hingeht, die Auswahl ist groß. Sehr schön hingegegen, daß man sein Guthaben jederzeit zurückhaben kann.
Die Bezahlung soll nur (?) per Banklastschrift oder Überweisung erfolgen können. Dazu müssen potenzielle Kunden erst durch eine Schufa-Prüfung genudelt werden. Wer die nicht besteht, soll trotzdem telefonieren dürfen, wenn er sein Guthaben selbst überweist. Wozu dieser Aufwand? Da waren die realen oder virtuellen Rubbelcodes (an der Supermarktkasse oder der Tankstelle) einfach einfacher. Herrn Hansen wirds freuen.
Wäre das Fonic-Produkt vor 2 oder 3 Jahren gekommen, wärs vielleicht ein Knüller gewesen.
Aber heute?
Heute ist Markt der längst übersättigt. Die Leute, die noch kein Handy haben, kann man zählen (die wollen es einfach nicht) und die Leute, die jetzt frisch einsteigen, brauchen Beratung und Hilfe (gibts dort nicht), also werden zu Fonic überwiegend Leute kommen, die sich von ihrem bisherigen Anbieter schlecht behandelt fühlen oder denen es bisher einfach viel zu teuer war.
Damit kannibalisiert man den Markt, wenn nicht sogar sich selbst und sorgt für Verwirrung und Frust.
Warum hat man nicht einfach den bestehenden o2-Loop-Prepaid-Tarif auf 9,9 Cent gesenkt und diese Preissenkung auch allen bestehenden Kunden angeboten? Da hätten sich Bestandskunden dabei wohl gefühlt.
Schon klar, da wären die Kartenzahlen nicht gewachsen, dafür aber Zahl die zufriedenen Kunden, die ihr Handy auch nutzen und damit ARPU (= Durchschnittsumsatz pro Kunde) generieren und auf den kommt es doch an.
Senoras y Senores de Telefonica, es macht absolut keinen Sinn, mit aller Gewalt SIM-Karten unters Volk zu streuen, die höchstens leer telefoniert und dann weggeworfen werden.
Man kann längst keinen Kaffee mehr kaufen, ohne mit freundlichem Charme zum Kauf einer SIM-Karte genötigt zu werden. Jeder Supermarkt mit seiner eigenen Handykarte, wenn das beworbene Netz in den Supermärkten innendrin oft keine Abdeckung hat? Wo soll denn da nachhaltiges Wachstum herkommen?
Senoras y senores, was Sie brauchen, sind zufriedene Kunden, die Spaß am Telefonieren, SMSen oder e-mail oder neuen Diensten haben. Die bringen Ihnen dann weitere Kunden von anderen Anbietern.
Und dieser Wohlfühlfaktor fehlt völlig. Stattdessen macht sich Unbehagen breit. Unbehagen über hilflose Shops und Hotlines, über Nacht ausgeknipste Funkversorgung, über Nacht verteuerte "Nebenleistungen" und vieles mehr. Diese Kunden kann man auch mit Discount-Tarifen nicht mehr so leicht zurückholen. Es gibt einfach zuviele davon.
Telefonieren wird immer billiger und wertloser. Die Leute werden bald neue Hobbies finden und ihr Geld dort ausgeben.

Henning Gajek kennt die Mobilfunkbranche wie kein anderer, er ist seit Jahrzehnten der deutsche Handy-Experte schlechthin.
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