15.01.08
Permalink 10:33:57, Blog: Hennings Handy-Welt, Kategorien: Hennings Handy-Welt, 794 Wörter   German (DE)

Bitter für Bochum - Nokia plant Schließung (Update)

Als vor rund 19 Jahren in Bochum neben der Montage der früheren "Graetz"-Fernsehgeräte eine Linie für (Nokia) C-Netz-Autotelefone aufgebaut wurde, lächelten die Bochumer nur. Dann kam der Durchbruch und Mega-Boom für mobile Telefone, die Fernsehgeräte verschwanden spätestens 1996 aus den Hallen.

Heute zeichnet sich wieder ein schmerzlicher Umschwung ab: Etwa 2300 Arbeitsplätze bei Nokia werden verschwinden, weil das Werk nicht mehr rentabel ist und bis Mitte 2008 komplett geschlossen werden soll.

[Mehr:]

Für die Öffentlichkeit überraschend kündigte Nokia heute in Düsseldorf an, daß die Produktion mobiler Endgeräte in Deutschland eingestellt und der Standort Bochum bis Mitte 2008 geschlossen werden soll. Die Produktion soll in andere, "wettbewerbsfähigere" Nokia Werke in Europa, etwa Rumänien oder Ungarn verlagert werden.

Als Nebeneffekt sollen auch die Bereiche, welche nicht unmittelbar zur Produktion gehören, in Bochum eingestellt werden. Der Bereich "Line Fit Automotive Business "(baut ab Werk integrierte Lösungen für die Fahrzeugindustrie) soll verkauft werden, die Bochumer Forschungs- und Entwicklungsabteilung "Adaptation Software" könnte dabei möglicherweise an das Unternehmen Sasken Technologies gehen.

Man konnte den extra aus Finland nach Düsseldorf angereisten Nokia Topmanagern anmerken, daß das keine leichte Entscheidung war. Schließlich war Nokia das einzige Unternehmen, das noch in Deutschland mobile Produkte selbst herstellte, vorher hatten Motorola oder BenQ-Siemens das Handtuch geworfen.

Als Anerkennung des Standortes sprach Veli Sundbäck, der Vorsitzender des Aufsichtsrates der Nokia GmbH und Executive Vice President in deutscher Sprache zu den kurzfristig in ein Nobelhotel angereisten Journalisten.

Intern wurde das Thema Schließung schon seit 4 - 5 Jahren bei Nokia auch mit Arbeitnehmernvertretern diskutiert, der Nokia Vorstand hatte das "Aus" für Bochum bereits "kurz vor Weihnachten" beschlossen.

Man habe zuvor gute Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern, aber trotz aller Anstrengungen ist der Standort nicht überlebensfähig. Nun sollen möglichst bald die Verhandlungen über "für alle Parteien zufriedenstellende Lösungen" beginnen. Dabei wolle man möglichst fair und offen vorgehen, betonte der Nokia Gesamt-Personalchef Juha Äkräs. Für rund 300 Mitarbeiter soll es Chancen im Software-Bereich in Bochum geben.

Wohlverstanden: Nokia wird nicht ganz aus Deutschland verschwinden. Der Bereich Forschung und Entwicklungen (z.B. in Ulm), die Entwicklung von Internet-Software, Navigation bleiben in Deutschland, das "Herz des Vetriebes schlägt in Düsseldorf", betonte Sundbäck.

Warum das alles?

Nokia begründet das mit der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit des Standortes. Selbst wenn man den Standort in einem alten Bochumer Industriegebiet renovieren würde, bräuchte man dafür viel Geld, "doch selbst das würde nicht dazu führen, die Produktion in Bochum weltweit wettbewerbsfähig zu machen", ist sich Nokia sicher.

Auf Deutsch: Im weltweiten Run auf möglichst noch viel billiger, ist Deutschland schlicht zu teuer geworden.

Dabei geht es nicht nur um die Arbeitskosten (die Lohnkosten liegen laut Herrn Sundbäck bei unter 5%, sind aber um den Faktor 10 höher als z.B. in Rumänien), Deutschland ist insgesamt zu teuer und zu unflexibel, man bräuchte alle Zulieferer an einem Standort, die wollten aber wegen des hohen Kosteniveaus nach Bochum kommen, sonst wäre eine integrated Production-Village möglich gewesen. Anders kann man gar nicht so flexibel reagieren, wie es der Markt erfordert.

Vielleicht ist bei den deutschen Gewerkschaften noch nicht angekommen, die möchten - wer kann es ihnen verdenken - am verhaltenen wirtschaftliche Aufschwung schon jetzt etwas ab haben, den explodierende Sprit- und Heizkosten und Vieles mehr wollen auch bezahlt werden.

Dann der Druck auf die Handy-Endpreise. Die Kunden wollen billige Tarife UND billige Handys. Wenn der Mediamarkt aktuell ein Nokia 2310 mit 10 Euro Startguthaben mit einer (Debitel) CallYa oder (o2) Loop Prepaidkarte für "nur" 14 Euro verschleudern kann, dann kommt das Handy sicher nicht aus Deutschland, so zahlt die Zeche am Ende der Kunde, der oft auch Arbeitnehmer ist.

„Die geplante Schließung des Werkes Bochum (dem weltweit kleinsten Werk von allen) ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit von Nokia langfristig zu sichern“, bedauert Veli Sundbäck, der stellvertretende Chef (Executive Vice President) von Nokia und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Nokia GmbH. „Aufgrund der Marktentwicklung und der steigenden Anforderungen hinsichtlich der Kostenstruktur ist die Produktion mobiler Endgeräte in Deutschland für Nokia nicht länger darstellbar. Es kann hier nicht so produziert werden, dass die globalen Anforderungen hinsichtlich Effizienz und flexiblem Kapazitätswachstum erfüllt werden. Daher mussten wir diese harte Entscheidung treffen.“

Und Nokia wäre nicht seit vielen Jahren Weltmarktführer, wenn sie nicht die ganze Zeit genau vorhersehen konnten und wohl auch weiter können, wohin die halsbrecherische Reise im Mobilfunk in den nächsten Jahr weitergehen wird.
Ein Trend zeichnet sich schon ab: Neben reiner Hardware (= Geräte) auch Dienste und Service anzubieten. Und deren Preise sind noch virtueller (und damit niedriger) als ein Mobiltelefon "made in Germany".

Kommentare, Pingbacks:

Kommentar von: Uwe [Mitglied] · http://www.xonio.com
Und jetzt? Nokia boykottieren? Das kostet dann noch mehr Arbeitsplätze... Bleibt nur zu hoffen, dass die Netzbetreiber endlich ernst machen und tatsächlich die Handy-Subventionen abbauen, damit die Preisspirale nicht noch mehr Arbeitsplätze mit sich reißt.
Permalink 15.01.08 @ 13:48
Kommentar von: Henning Gajek [Mitglied] · http://blog.xonio.com/gajeks_welt/
Hallo Uwe,

Zustimmung, ein Boykott wäre die völlig falsche Lösung.

Nur der komplette Abbau der Subventionen könnte auch bedeuten, daß die Kunden wahren Preis für ein Telefon "zu sehen" bekommen und dann wieder "jammern", wie "teuer" das eigentlich ist.

Permalink 15.01.08 @ 14:18
Kommentar von: Stefan [Besucher]
ich bin anderer Meinung. Ein Konsumentenboykott als Warnschuss wäre evtl. ganz heilsam.
Das ist ein wirksames Mittel der Verbraucher, um das Verhalten von Unternehmen langfristig zu beeinflussen.

Wie war das noch damals mit der Brent Spar von Shell?

Brent Spar war ein schwimmender Öltank in der Nordsee im Besitz des Shell-Konzerns.
Es gab Boykottaufrufe, die ein großes Echo in den Medien und der Bevölkerung fanden. Auch einige deutsche Behörden ließen ihre Autos nicht mehr bei Shell tanken. Daraufhin sanken die Umsätze der deutschen Shell-Tankstellen um bis zu 50 %.
Nach einem langen Medienkrieg beschloss Shell am 20. Juni 1995, die Plattform an Land zu entsorgen. Der Konzern reagierte auf die Krise mit einer Gegen-Kampagne unter dem Motto "Wir werden uns ändern".

Also - geht doch. Verbraucher haben eine große Macht.
Permalink 16.01.08 @ 18:18
Kommentar von: Ist das lustig [Besucher] · http://istdaslustig.de
Haha, das Nokia Teil wird geschlossen. Ist das lustig.
Hauptsache ich bekomme weiterhin meine Hochglanzhandys für 800 euro.
Und wieder werden Proleten arbeitslos. Ey, wenn ich nur mal Sender wie RTL anstelle und die Menschen vor dem Nokia Werk sehe, denke ich- wie geil ist das den, hat die Richtigen erwischt.
Permalink 16.01.08 @ 18:50
Kommentar von: Stefan [Besucher]
Hey, Ist das lustig. Ich finde das gar nicht lustig. So einer wie du sollte lieber daheim mit seinen Lego spielen als in Foren hirnrissige Logorrhö zu hinterlassen. Wenn's dich dann "erwischt" möchte ich dich mal sehen.
Permalink 16.01.08 @ 19:02
Kommentar von: Bochumer Junge [Besucher] · http://istdaslustig.de
Ich werde Nokia boykotieren. Ich war ein Nokia Handy Fan nun habe ich nur noch Verachtung für einen Konzern der 2006 4,3Miliarden Euro Gewinn gemacht hat und meint er müsste trotzdem die Staaten abzocken.

Meine neues Hintergrundbild ist:
http://s3.directupload.net/images/080116/qa6kxohx.gif

Permalink 16.01.08 @ 23:39
Kommentar von: Horsti [Besucher]
@Bochumer Junge: Ich fürchte, deine Polemik greift im Längen zu kurz. Schließlich macht es sich als "Exportweltmeister" sich nicht ganz so gut Boykotthetze zu betreiben. Stelle sich nur mal einer vor, die Finnen boykottieren im Gegenzug ein paar Monate alle deutschen Autohersteller, da die ja auch keine Schraube in Finnland montieren, obwohl es dort auch Montagefabriken gibt.

Die Wirtschaft ist global und wer Winterjacken aus China für weniger als 50 € kaufen will, darf nicht darauf hoffen, dass er selbst gehätschelt wird, wenn es um die Ausnutzung von Kostenvorteilen geht.

Sollte man Konzerne zwingen? Einfacher wäre es doch die Mittelständler zu bezwingen. Da kann dann die SPD zusammen mit den Gewerkschaften die Geschäftsführung stellen und das Ganze als DDR 2.0 verkaufen. Mal sehen, wie lange die dann durchhält. ABER bevor die das Geld haben eine zweite Mauer hoch zu ziehen, würde ich dann doch meine Koffer packen. Einmal reicht mir.

Permalink 17.01.08 @ 08:11
Kommentar von: Horsti [Besucher]
Ich kann mich Henning nur anschließen. Die Reise geht wie überall in Richtung billig und für eine überschaubare Klientel in Richtung teuer. Dazwischen = das mittlere Preissegment wird zerrieben. Spätestens wenn die Netzbetreiber die Subventionen zurückfahren (müssen) offenbart sich nämlich im mittleren Preissegment ein für die Zielgruppe unangenehm hoher Gerätepreis. Entsprechend wird man umschwenken in Richtung der Einfachhandys bzw. wenige Auserwählte werden in Richtung teuer gehen.

Wenn ich meinen Bekanntenkreis so ansehe, sehe ich zunehmend "Subventionsabgreifer", die die dazugehörigen SIM-Karten dann für 24 Monate einlagern. Die Netzbetreiber werden dies sicher ganz genau beobachten/messen können und irgendwann gegensteuern in dem man eben nicht mehr das Handy dazuschenkt sondern z.B. wie O2 prozentuale Nachlässe auf die Gesprächsumsätze gewährt. Kernkompetenz der Netzbetrieber ist doch nicht das verkloppen von subventionierten Telefonen, sondern das Abwickeln von Diensten. Darauf werden die sich eher früher als später wieder besinnen (müssen), weil ja nun die goldenen Zeiten vorbei und die Margen langsam am sinken sind.
Permalink 17.01.08 @ 08:18
Kommentar von: michael [Besucher]
Es kann als Konsequenz der Nokia Werksschließung nur eine Möglichkeit geben - keiner kauft mehr ein Nokia Handy und die Firma wird auch von der Presse nicht mehr groß beachtet. Da der Deutsche zu blöd, dumm oder faul ist kollektiv etwas zu boykottieren und die meiste (Fach)presse käuflich ist wird es bei eine Meldung über die Schließung des Weks bleiben ohne große Konsequenzen für Nokia und seine Deutschlandszahlen.
Permalink 17.01.08 @ 21:14
Kommentar von: MARIAN KREINER [Besucher]
ICH BIN IN RUMÄNIEN ALS BANATER SCHWABE GEBOREN! Das ist nicht der Ort und die Zeit meine Gefühle zu zeigen. Ich bin in Deutschland seid 1987. Es hat sich ALLES verschlechtert. Die Politik ist falsch, die Volksvertreter gehören dem Deutsche Volk(samt Ausländern) lange nicht mehr dieses wunderbare Land steht auf dem Knien blutet und weint. Nicht einmal die Religion schafft die Menschen zusammen zu bringen. Wir glauben nicht mehr in unsere Recht: geboren um reich und glücklich zu leben. Wir warten auf die Almosen und wir jammern, wenn wir Se nicht bekommen. Zeit ist gekommen um die Volksvertreters zu fragen: wann fängt ihr an diese Land zu unsere Nutzung zu wirtschaften? Die Religionsvertreters zu fragen: wann fängt ihr an die Menschen zueinander zusammen zu bringen? Und das wichtigste: warum nehmen wir nicht selbst das was die Reichen kaputt machen und benutzen wir um unsere und unseren Familien Existenzen abzusichern? Nein, ich bin kein Kommunist aber ich will nicht in einen schlechten Kapitalismus verrecken. Liebe Deutschen und die die in Deutschland lebt: Alles hat Gutes und Schlechtes in sich. Aber Gut bedeutet, immer noch, das was dem Natur und Mensch nützlich ist.
Permalink 17.01.08 @ 22:19
Kommentar von: Rolf Spiess [Besucher] · http://www.art-mix.de/boycottnokia/index.html
Solidarität mit Bochum


Standortverlegungen trotz hoher Produktivität und Gewinnen
sind die zynischen Auswüchse des Turbo-Kapitalismus.

Die Politik ist machtlos.

Die einzige Macht liegt in der internationalen Solidarität
und im Verhalten der Verbraucher.

Der Tankstellen-Boycott von SHELL im Jahr 1995 hat gezeigt
- Widerstand ist erfolgreich.

Bitte benutzen Sie dieses Logo überall: im Internet, in Blogs
und auf der Straße um NO zu NOKIA zu sagen.
http://www.art-mix.de/boycottnokia/index.html
Permalink 18.01.08 @ 11:22
Kommentar von: Michael [Besucher]
Subventionsabbau bei Handys bedeutet nur eins. Die reichen können sich sowiso jedes Handy kaufen und die ärmeren müßten ewig sparen bzw. ein einfaches Gerät erwerben. Super !! Es leben die zwei KLASSEN , es lebe DEUTSCHLAND ! Rot ist der Tod sagte schon mein Opa - wie recht er doch hatte.
Permalink 18.01.08 @ 12:30
Kommentar von: kaarlo [Besucher]
Die globalen Firmen (Nur etwa 11% von Nokia-Aktien sind von Finnen besitzt (http://www.nokia.com/NOKIA_COM_1/About_Nokia/Financials/Financial_Statements/pdf_2006/Shares06.pdf).
) machen was Sie wollen. Zum Glück aber bleiben die Arbeitsplätze in diesem Fall in EU ... so wielleicht werden die Rumäner in Zukunft mehr und mehr andere deutsche Ware einkaufen. Auch wir Finnen haben unsere Probleme (Seh an http://www.storaenso.com/CDAvgn/main/0,,1_-8873-18644-en,00.html) fast 1000 Menchen werden arbeitslos.

Ein 46 jähriger Finne
Permalink 19.01.08 @ 12:23
Kommentar von: Holger [Besucher] · http://www.vedix.de
Die Subventionen für Nokia waren sicher auch an bestimmte Bedingungen gebunden. Diese Frist ist kürzlich abgelaufen. Leider gibt es keine rechtliche Handhabe gegen die Art von Subventions-Nomaden.
Permalink 19.01.08 @ 14:42
Kommentar von: Roman [Besucher] · http://@Michael
Ich kann diese Aussage nicht nachvollziehen: der Begriff Subvention ist eigentlich Grundfalsch. Es ist und es war schon immer ein Kredit, der vom Kunden, der das Handy bezahlt hat, abzubezahlen war und ist.

Die Aussage, die Armen können sich dann kein Handy mehr leisten, ist schlicht falsch. Kaufen Sie sich jetzt ein Handy für 10 Euro mit 24 Monaten SIM-Lock, dann bezahlen Sie 24 Monate lang mit den Gesprächspreisen das Gerät ab.

Aber was macht der "Schlaue": er crackt den SIM Lock und nutzt das Handy mit einer Discounter-SIM ohne "Subventionsgesprächspreisen". Das hat zur Folge, dass das Rechenmodell nicht mehr aufgeht und die Netzbetreiber (noch) billigere Geräte fordern.

Nokia wäre ohnehin irgendwann ausgewandert. Die Autobauer sind mit den Kleinwagen auch seit Jahren aus Deutschland weg, die Kleinelektronik (MP3 etc.) ist ebenfalls weg. Was vielmehr fehlt ist ein Konzept für das Werk. Das wird ja nach der Schließung noch immer da sein. Da fehlt es einfach an Unternehmern, die einmal das Kapital bekommen, etwas zu erreichen und die geachtet werden. Aber investrieren Sie mal was in Deutschland. Die Banken rücken keine Kredite raus und wenn man etwas erreicht, wird man als "Kapitalist" quasi gebrantmarkt.

Ok, das ist jetzt weit weg von der ursprünglichen Aussage, aber ich wollte es einfach schreiben.
Permalink 19.01.08 @ 17:58

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