Als vor rund 19 Jahren in Bochum neben der Montage der früheren "Graetz"-Fernsehgeräte eine Linie für (Nokia) C-Netz-Autotelefone aufgebaut wurde, lächelten die Bochumer nur. Dann kam der Durchbruch und Mega-Boom für mobile Telefone, die Fernsehgeräte verschwanden spätestens 1996 aus den Hallen.
Heute zeichnet sich wieder ein schmerzlicher Umschwung ab: Etwa 2300 Arbeitsplätze bei Nokia werden verschwinden, weil das Werk nicht mehr rentabel ist und bis Mitte 2008 komplett geschlossen werden soll.
Für die Öffentlichkeit überraschend kündigte Nokia heute in Düsseldorf an, daß die Produktion mobiler Endgeräte in Deutschland eingestellt und der Standort Bochum bis Mitte 2008 geschlossen werden soll. Die Produktion soll in andere, "wettbewerbsfähigere" Nokia Werke in Europa, etwa Rumänien oder Ungarn verlagert werden.
Als Nebeneffekt sollen auch die Bereiche, welche nicht unmittelbar zur Produktion gehören, in Bochum eingestellt werden. Der Bereich "Line Fit Automotive Business "(baut ab Werk integrierte Lösungen für die Fahrzeugindustrie) soll verkauft werden, die Bochumer Forschungs- und Entwicklungsabteilung "Adaptation Software" könnte dabei möglicherweise an das Unternehmen Sasken Technologies gehen.
Man konnte den extra aus Finland nach Düsseldorf angereisten Nokia Topmanagern anmerken, daß das keine leichte Entscheidung war. Schließlich war Nokia das einzige Unternehmen, das noch in Deutschland mobile Produkte selbst herstellte, vorher hatten Motorola oder BenQ-Siemens das Handtuch geworfen.
Als Anerkennung des Standortes sprach Veli Sundbäck, der Vorsitzender des Aufsichtsrates der Nokia GmbH und Executive Vice President in deutscher Sprache zu den kurzfristig in ein Nobelhotel angereisten Journalisten.
Intern wurde das Thema Schließung schon seit 4 - 5 Jahren bei Nokia auch mit Arbeitnehmernvertretern diskutiert, der Nokia Vorstand hatte das "Aus" für Bochum bereits "kurz vor Weihnachten" beschlossen.
Man habe zuvor gute Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern, aber trotz aller Anstrengungen ist der Standort nicht überlebensfähig. Nun sollen möglichst bald die Verhandlungen über "für alle Parteien zufriedenstellende Lösungen" beginnen. Dabei wolle man möglichst fair und offen vorgehen, betonte der Nokia Gesamt-Personalchef Juha Äkräs. Für rund 300 Mitarbeiter soll es Chancen im Software-Bereich in Bochum geben.
Wohlverstanden: Nokia wird nicht ganz aus Deutschland verschwinden. Der Bereich Forschung und Entwicklungen (z.B. in Ulm), die Entwicklung von Internet-Software, Navigation bleiben in Deutschland, das "Herz des Vetriebes schlägt in Düsseldorf", betonte Sundbäck.
Warum das alles?
Nokia begründet das mit der fehlenden Wettbewerbsfähigkeit des Standortes. Selbst wenn man den Standort in einem alten Bochumer Industriegebiet renovieren würde, bräuchte man dafür viel Geld, "doch selbst das würde nicht dazu führen, die Produktion in Bochum weltweit wettbewerbsfähig zu machen", ist sich Nokia sicher.
Auf Deutsch: Im weltweiten Run auf möglichst noch viel billiger, ist Deutschland schlicht zu teuer geworden.
Dabei geht es nicht nur um die Arbeitskosten (die Lohnkosten liegen laut Herrn Sundbäck bei unter 5%, sind aber um den Faktor 10 höher als z.B. in Rumänien), Deutschland ist insgesamt zu teuer und zu unflexibel, man bräuchte alle Zulieferer an einem Standort, die wollten aber wegen des hohen Kosteniveaus nach Bochum kommen, sonst wäre eine integrated Production-Village möglich gewesen. Anders kann man gar nicht so flexibel reagieren, wie es der Markt erfordert.
Vielleicht ist bei den deutschen Gewerkschaften noch nicht angekommen, die möchten - wer kann es ihnen verdenken - am verhaltenen wirtschaftliche Aufschwung schon jetzt etwas ab haben, den explodierende Sprit- und Heizkosten und Vieles mehr wollen auch bezahlt werden.
Dann der Druck auf die Handy-Endpreise. Die Kunden wollen billige Tarife UND billige Handys. Wenn der Mediamarkt aktuell ein Nokia 2310 mit 10 Euro Startguthaben mit einer (Debitel) CallYa oder (o2) Loop Prepaidkarte für "nur" 14 Euro verschleudern kann, dann kommt das Handy sicher nicht aus Deutschland, so zahlt die Zeche am Ende der Kunde, der oft auch Arbeitnehmer ist.
„Die geplante Schließung des Werkes Bochum (dem weltweit kleinsten Werk von allen) ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit von Nokia langfristig zu sichern“, bedauert Veli Sundbäck, der stellvertretende Chef (Executive Vice President) von Nokia und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Nokia GmbH. „Aufgrund der Marktentwicklung und der steigenden Anforderungen hinsichtlich der Kostenstruktur ist die Produktion mobiler Endgeräte in Deutschland für Nokia nicht länger darstellbar. Es kann hier nicht so produziert werden, dass die globalen Anforderungen hinsichtlich Effizienz und flexiblem Kapazitätswachstum erfüllt werden. Daher mussten wir diese harte Entscheidung treffen.“
Und Nokia wäre nicht seit vielen Jahren Weltmarktführer, wenn sie nicht die ganze Zeit genau vorhersehen konnten und wohl auch weiter können, wohin die halsbrecherische Reise im Mobilfunk in den nächsten Jahr weitergehen wird.
Ein Trend zeichnet sich schon ab: Neben reiner Hardware (= Geräte) auch Dienste und Service anzubieten. Und deren Preise sind noch virtueller (und damit niedriger) als ein Mobiltelefon "made in Germany".

Henning Gajek kennt die Mobilfunkbranche wie kein anderer, er ist seit Jahrzehnten der deutsche Handy-Experte schlechthin.
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