Deutschland im Frühjahr: Minister geben ihre Nokia-Handys zurück - eine Landesregierung will von Nokia die Subventionen zurück, aber ein tragfähiges Konzept für neue Arbeitsplätze für die vielelicht bald ehemaligen Nokia-Mitarbeiter wird nicht sichbar.
Als letzter Handy-Hersteller gibt der finnische Weltkonzern Nokia bekannt, sein traditionsreiches Werk im deutschen Bochum zu schließen, Dafür können sich Menschen in Rumänien über neue Jobs freuen, die sonst vor Jahren noch zu uns ausgewandert wären.
Beschlossen wurde das bereits im Dezember, noch vor Weihnachten. Mitgeteilt erst im Januar - nach Weihnachten. Man stelle sich vor, es wäre noch im alten Jahr duchgesickert.
Verständlich: Die Mitarbeiter sind geschockt, wütend und traurig, schließlich war es "ihr" Werk und sie hängen mit Herzblut dran, wie die Leute bei vielen anderen Traditionsunternehmen auch, die nach jahrelangem gutem Arbeiten schließen mußten.
Regierungschefs treten vor die Kamera und schimpfen - mit wohl gesetzten Worten auf unser weltweites Wirtschaftsystem, das nicht nur Sonnen- sondern auch Schattenseiten hat. Alternativen hatten wir schon, die endeten um 1990 und waren auch nicht erfolgreicher, ganz im Gegenteil.
Bei aller Enttäuschung muß man sich aber fragen: Haben Ministerpräsident Dr. jur. Jürgen Rüttgers oder der Diplom-Volkswirt und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück wirklich "starke" Argumente in Form von neuen Subventionen und Strukturhilfen, welche die Arbeitsplätze in Bochum dauerhaft retten könnten, dann sollten sie das schleunigst mit Nokia verhandeln, in aller Ruhe, hinter verschlossenen Sauna-Türen in Helsinki und erst wieder melden, wenn die Sache unterschriftsreif ist.
Die weltweite Wirtschaft funktioniert, wenn Unternehmen etwas "unternehmen" können und auch die Möglichkeit haben, Unternehmen wieder zu schließen, weil Produktionen zu teuer sind oder zu teuer erscheinen oder die produzierten Produkte nicht mehr gefragt sind.
Wenn man das Schließen von Unternehmen gesetzlich verbieten will, kann man sicher sein, daß sich künftig kaum noch ein Unternehmen traut, eine neue Firma aufzumachen. Viele "Unternehmer" stellen keine Leute mehr ein, weil sie die im "Ernstfall" nicht mehr entlassen können. Der Staat kann fördernd eingreifen und er muß ein Sicherungsnetz aufspannen, damit die Menschen nicht in ein bodenloses Loch fallen, dafür zahlen Mitarbeiter und Unternehmen Steuern.
Solange aber die Konsumenten wie die Lemminge nur nach Schnäppchen jagen, alles nur noch billig-billig-billig haben müssen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Lieferanten nun mal dort produzieren, wo es noch viel billiger ist, als bei uns.
Wer jetzt überlegt, sein Nokia Handy wegzuwerfen, um zu einem "politisch korrekten Handy" zu wechseln, sollte nochmal nachdenken, denn...
- BenQ-Siemens? Die Siemens-Handysparte ist pleite, weil man viel zu lange die Warnzeichen der Kunden im Internet übersehen und an den Lädentheken überhört hat. Wie Siemens und BenQ das am Ende "hin"bekommen haben, war alles andere als schön. Etwa die Hälfte der ehemaligen mobilen Siemensianer haben heute wieder einen Job, der Rest sucht noch. Die Qualität der BenQ-Produkte ist durchwachsen, in Deutschland nahezu unbedeutend oder unverkäuflich.
- Motorola? Hat sein hochmodernes Werk in Flensburg geschlossen. 700 Arbeitsplätze sind weg. Auch hier hat ein Hersteller wichtige Trends verschlafen. Bedienbarkeit eines Motorola-Handys? Seit Jahren ein Drama.
- Samsung? Hat vor einiger Zeit ein Bildröhrenwerk in München geschlossen. 200 Arbeitsplätze weg. Samsung Handys werden in Korea hergestellt. Nicht jeder deutsche Kunde mag zigtausend Gongs und Klingeltöne, wenn man das Handy aufklappt oder irgendeine Funktion auswählt.
Ericsson? Hat ein Forschungslabor in Deutschland geschlossen.
Sony-Ericsson Handys kommen teilweise aus dem Elsaß, mal sehen, wie lange noch.
Ericsson-Handys waren legendär, Sony-Ericsson-Handys sind populär, aber wer eine Nokia-Bedienerführung gewöhnt ist, wird sich umschauen.
Irgendein "namenloser" Chinese?
Der baut bestimmt nicht in Deutschland. Gegen bestimmte chinesische Hersteller wird bereits wegen menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen, mangelnder Verträge und vielem mehr "ermittelt". Und wenn das nicht interessiert, dann lesen Sie mal eine Betriebsanleitung. Vielleicht ist die englische Fassung verständlicher als die deutsche.
Was uns jetzt nur hilft, ist ein ruhiges und besonnenes Vorgehen.
Wichtig ist im Moment, daß die Arbeiterinnen in Bochum möglichst schnell eine gesicherte Perspektive bekommen, alles andere ist mehr als unfair und unredlich. Im Nokia Werk wird es nach dem Ende bestimmt eine Beschäftigungsgesellschaft geben. Die stellt dann alle Leute ein, die keinen Anschluß-Job gefunden haben. Die dürfen dann nicht die Füße hochlegen, sondern müssen an die Schulbank gehen, sich weiterzubilden, qualifizieren und informieren. Was können sie schon, was könnten sie lernen? Welche neuen Firmen könnten auf dem Werksgelände oder in der Nähe entstehen? Wer da selbst aktiv wird, hat am Ende die besten Chancen.
Aus der emotionellen Bindung der Mitarbeiter, aus ihren Ideen sollten sich neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln lassen, die Zukunft haben. Sie müssen nur Nokia davon überzeugen.
Bei diesen Verhandlungen wird Nokia mit am Tisch sitzen, denn dem Weltunternehmen kann es nicht egal sein, daß seine deutschen Kunden aus Frust oder mangelndem Einkommen zu anderen Marken und Produkten wechseln.
Ein positives Beispiel:
Die Deutsche Telekom hat heute bekannt gegeben, daß sie trotz Arbeitsplatzabbau und Strukturanpassung 4000 (viertausend) neue Leute einstellen wird. Dazu kommen noch zusätzlich 3.800 Auszibldende. Das ist ein richtiger Weg. Sicher werden nicht alle Nokianer direkt bei der Telekom unterkommen können. Aber es ist ein Zeichen, daß es bereits weitergeht.
Was kann der einzelne Kunde tun? Bewußter einkaufen. Und manches "Schnäppchen" auch mal im Regal liegen lassen.

Henning Gajek kennt die Mobilfunkbranche wie kein anderer, er ist seit Jahrzehnten der deutsche Handy-Experte schlechthin.
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